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Der Verein "Frauensport und Kampfkunst e.V." wurde von Frauen mit und ohne Behinderungen gegründet, die seit Spätherbst 1995 in Berlin gemeinsam Shuri-Ryu Karate trainieren. Dieses gemeinsame Training ist in Berlin einzigartig.
Ziel des Vereins "Frauensport und Kampfkunst e.V.", im folgenden FSK e.V. genannt, ist es, das gemeinsame Training von Frauen und Mädchen mit und ohne Behinderungen zu einer Selbstverständlichkeit zu machen. Gewaltprävention und Integration sind seine vorrangigen Motive.
Viele der bestehenden Frauen-Selbstverteidigungs- und Sportvereine sind, so weit uns bekannt ist, im Bereich der Arbeit mit Menschen mit Behinderung und der Integrationsarbeit nicht aktiv. Dies liegt zum einen an der nicht vorhandenen Zugänglichkeit der Räume/Trainingsräume für Rollstuhlfahrerinnen und Frauen mit starken Gehbehinderungen. Zum anderen liegt es aber auch an der weit verbreiteten Ignoranz gegenüber Menschen mit Behinderungen sowie den Berührungsängsten und Vorurteilen der nichtbehinderten Trainerinnen und Trainierenden. Hinzu kommt meist das unzureichende Wissen über die Arbeit mit behinderten Menschen in Selbstverteidigung und Karate und die dadurch entstehende Überforderung der einzelnen Trainerinnen.
Frauen und Mädchen werden in dieser Gesellschaft allein aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit immer wieder zu Opfern von Gewalt. "Schätzungen zufolge wird jedes dritte Mädchen sexuell missbraucht und jede vierte Frau einmal in ihrem Leben vergewaltigt. Zwei Drittel aller berufstätigen Frauen werden an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt. Auch wenn generell alle Frauen und Mädchen der sexuellen Gewalt ausgesetzt sind, gibt es Gruppen, die eher angegriffen werden als andere und die außerdem noch rassistische und andere Formen von Gewalt und Diskriminierung erleben."[1]
Blinde oder gehörlose Frauen und Mädchen, Mädchen und Frauen mit Geh- oder Armbehinderungen, mit spastischen Lähmungen, Rollstuhlfahrerinnen, kurz: Frauen und Mädchen mit sichtbaren und/oder unsichtbaren Behinderungen sind aufgrund einer größeren Angewiesenheit auf Unterstützung durch Dritte noch häufiger Situationen ausgesetzt, in denen ihre vermeintliche oder reale Schwäche oder Abhängigkeit zu Grenzüberschreitungen und Verletzungen missbraucht werden kann. So kommen Frauen mit körperlichen Behinderungen, die auf persönliche Assistenz im Alltag, z.B. beim Ankleiden, bei der Körperpflege usw., angewiesen sind, bei diesen Gelegenheiten häufig in engen körperlichen Kontakt mit anderen. Diese Situationen werden oft ausgenutzt und noch häufiger fehlinterpretiert. Der Aufbau unangemessener und seitens der Frau unerwünschter körperlicher Nähe, "Streicheln", "Zärtlichkeiten" und auch direkte sexuelle Gewalt, wie Missbrauch und Vergewaltigung, können die Folge sein.
Die typische Sozialisation behinderter Frauen und Mädchen zu Rücksichtnahme, Dankbarkeit und Unauffälligkeit machen sie zu "leichten Opfern", die stillhalten und stillschweigen. Selbstverteidigungs- und auch Karatekurse sollen das Selbstbewusstsein stärken und helfen, die Mädchen und Frauen zu starken Persönlichkeiten werden zu lassen, die "NEIN" sagen und sich wehren können. Da ihnen die meisten Kurse nicht zugänglich sind, bleibt dieser Weg behinderten Frauen und Mädchen oft verwehrt.
Zugänglichkeit bedeutet nicht nur, dass Trainingsräume oder Treffpunkte für alle begeh- bzw. befahrbar sind, sondern auch, dass die behinderten Frauen und Mädchen tatsächlich erwünscht sind, respektiert und ernst genommen werden. Integration setzt auch den Willen der Nichtbehinderten voraus, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen, und braucht die Bereitschaft und das Bemühen aller, jeder die Zeit, den Raum und die Bedingungen zu geben, die jede braucht.
Für viele behinderte Frauen und Mädchen ist Sport außerhalb des Behindertensportes mit Ängsten und Vorbehalten belastet, für nichtbehinderte Frauen und Mädchen ist der Umgang mit behinderten Menschen ungewohnt und daher mit Berührungsängsten verbunden. Die gemeinsame Auseinandersetzung von Frauen und Mädchen mit und ohne Behinderungen mit Gewalt und Gewalterfahrung sowie das gemeinsame Training von Selbstverteidigung und Karate dient neben der Gewaltprävention auch der Integration und dem wechselseitigen Verständnis und bietet im Zuge der Rehabilitation Hilfe bei Alltagsbewältigung und (Wieder-) Erlangung des Selbstwertgefühls. Bestehende Vorurteile können in einer Atmosphäre des praktischen gegenseitigen Erlebens in unterschiedlichen Situationen thematisiert und ausgetragen werden.
Aktivitäten des FSK e.V.
Der FSK e.V. arbeitet eng mit der Sportschule Shuri-Ryu Berlin zusammen. Dort besteht in zugänglichen Räumen ein umfangreiches integratives Angebot für behinderte und nichtbehinderte Mädchen und Frauen in den Bereichen Selbstverteidigung und Selbstbehauptung, Shuri-Ryu Karate sowie Tai Ji Quan, Qi Gong und Wai Tan Kung. Diese Angebote werden von Übungsleiterinnen unterrichtet, die u.a. eine Übungsleiterlizenz für den Rehabilitationssport besitzen sowie eine Ausbildung Selbstverteidigung für Behinderte absolviert haben.
Der FSK e.V. hat sich u.a. zum Ziel gemacht, für Frauen mit Behinderung nicht nur die Möglichkeit eines gleichberechtigten und integrativen Trainings zu schaffen, sondern insbesondere ihnen die Gelegenheit zu geben, sich zu Trainerinnen im Selbstverteidigungs- und Kampfkunstbereich auszubilden. Frauen mit Behinderung sind durch ihre eigene Lebenserfahrung insbesondere im Bezug auf die Lebenssituation von Frauen und Mädchen mit Behinderung qualifiziert und kompetent und können diese Erfahrungen und ihr Wissen ganz besonders in Selbstverteidigungskursen für Menschen mit Behinderung produktiv einbringen. Durch das umfangreiche und integrative Angebot des FSK e.V. ist es allen Frauen möglich, die notwendigen Trainingsmethoden und kompetenzen zu erwerben. Nach siebenjährigem Bestehen hat die erste behinderte Frau, die bereits im Vorfeld Trainings übernommen hatte, den Schwarzgurt im Shuri-Ryu-Karate abgelegt und ist Trainerin für Selbstverteidigung und Kampfkunst.
Neben den regelmäßigen Angeboten organisiert der FSK e.V. - z.T. gemeinsam mit anderen Organisationen oder Einzelpersonen - Selbstverteidigungs-Workshops und -Kurse für Frauen und Mädchen mit und ohne Behinderungen. Hierzu werden jeweils Honorarverträge mit qualifizierten, erfahrenen Trainerinnen abgeschlossen, die im Besitz einer Übungsleiterlizenz des Landessportbunds sind, sowie eine Ausbildung in "Selbstverteidigung für Behinderte" bei Lydia Zijdel, Amsterdam, (selbst Rollstuhlfahrerin) absolviert haben bzw. absolvieren.
Da der Bereich der Selbstverteidigung und Kampfkunst für Frauen mit Behinderungen in der BRD bisher kaum entwickelt ist, ist hierfür die Zusammenarbeit mit erfahrenen Trainerinnen auch aus anderen europäischen Ländern erforderlich.
So findet im März und November eines jeden Jahres je ein Wochenende zu Kampfkunst und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen mit und ohne Behinderungen mit Wendi Dragonfire aus Nijmegen, Niederlande, statt. Wendi Dragonfire ist Trägerin des 8. Dan im Shuri-Ryu Karate und des 2. Dan im Modern Arnis. Sie unterrichtet seit zwanzig Jahren Shuri-Ryu Karate und hat diesen Stil, in dem die Teilnahme behinderter Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, nach Europa gebracht. Die beiden Wochenenden geben eine Möglichkeit für behinderte und nichtbehinderte Frauen und Mädchen aller Stile, gemeinsam zu trainieren und sind zudem eine Weiterbildung für Selbstverteidigungs- und Kampfkunsttrainerinnen im Bereich integratives Training.
In der Praxis hat sich gezeigt, dass sich auch erfahrene Trainerinnen und Übungsleiterinnen bei der Ausarbeitung von Konzepten und Trainingsprogrammen für das Training mit Frauen und Mädchen mit Behinderungen überfordert fühlen. Es fehlen eigene Erfahrungen und entsprechende Vorbilder, Vorgaben oder gar Literatur sind kaum vorhanden. Deshalb bietet der Verein Unterstützung bei der Konzepterarbeitung und auch Unterstützung und Supervision laufender Workshops oder Kurse an und bemüht sich um die Vernetzung der in diesem Bereich arbeitenden TrainerInnen.
Ein wichtiger Bereich der Arbeit des FSK e.V. ist die Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Frauen und Mädchen mit Behinderung in der Gesellschaft. Neben dem Schwerpunkt Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Behinderung gehört dazu Informationsarbeit zu allen Aspekten des Lebens und der Sozialisation behinderter Menschen. Viele der Schwierigkeiten und Hindernisse, denen behinderte Menschen in ihrem Alltag begegnen, sind auch Folge von fehlendem Wissen bzw. unzureichender Auseinandersetzung mit der Lebenswelt von Menschen mit Behinderung. Daher ist es ein Ziel der Öffentlichkeitsarbeit des FSK e.V., das Thema mehr ins öffentliche Interesse zu rücken.
Finanzierung
Der FSK e.V. finanziert seine Arbeit ausschließlich über Beiträge, Zuwendungen und Spenden. Trotz der zeitintensiven ehrenamtlichen Tätigkeit der Mitfrauen ist er auf Zuwendungen angewiesen. Schließlich sind Raummiete und Trainerinnenhonorare ebenso zu begleichen wie die Kosten für Büromaterial, Post- und Telekommunikationsentgelte, Trainingsgeräte u.v.m. Zudem ist die Durchführung integrativer Kurse und Workshops unmöglich ohne die Unterstützung der Trainerinnen durch qualifizierte Assistentinnen. Auch diese müssen für ihre Tätigkeit angemessen bezahlt werden.
Umfang und Kontinuität der Arbeit des Vereins stehen daher leider in engem Zusammenhang mit dem Umfang und der Kontinuität der ihm zufließenden Geld- und Sachspenden.
[1] Sunny Graff - Mit mir nicht - Selbstbehauptung
und Selbstverteidigung im Alltag; Berlin 1995
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